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Ein tierischer Überfall
Moritz war Scottys erster Freund, allerdings nur solange er noch Welpengeruch an sich hatte. Bei den ersten Spaziergängen mit den Hunden war das Verhalten beider interessant zu
beobachten. Moritz als der ältere übernahm selbstverständlich die Führungsrolle, und Scotty akzeptierte sie. Er tippelte hingebungsvoll hinter Moritz her, schnüffelte an den gleichen Stellen, pieselte an den
gleichen Stellen und kratzte schnell noch einmal dort, wo Moritz bereits mit großer Gebärde das trockene Laub und die Walderde durch die Gegend geschleudert hatte. Auch das von Moritz gebuddelte Loch wurde
höchst aufmerksam inspiziert und man schaufelte eilig noch ein bisschen nach. Das Stöckchen, das Moritz fallen gelassen hatte, weil ihm etwas Spannenderes in die Nase gekommen war, wurde aufgenommen und hinter ihm
hergetragen, mit einem Gesichtsausdruck, der sagen wollte: „Sieh mal, Du hast etwas verloren! Bin ich nicht tüchtig? Ich hab’s gefunden und trage es Dir nach!”
Moritz seinerseits achtete sorgfältig darauf, dass „der Kleine“ nicht verlorenging. Immer wieder drehte er sich um, um zu sehen, ob Scotty auch mitkam. Lief er
vor, überholte Moritz ihn, stellte sich ihm in den Weg und gab ihm wohl Hundesprache zu verstehen: „Stop! Nicht weiter! Du sollst nicht so vorlaufen, sonst
verlieren wir Dich!“ Und Scotty gehorchte, fast immer ließ es Moritz freiwillig den Vortritt.
Wir waren sehr froh über diese Entwicklung und konnten fast nicht glauben, was Peters, Scottys Züchter, gesagt hatten: ,zwei Irish Terrier Rüden
zusammen, das geht niemals gut. Mit Sicherheit kommt es zu Rangordnungskämpfen, und da die Irish mit dem Mut eines Löwen bis zum letzten Atemzug kämpfen und niemals freiwillig nachgeben, werden zwei Rüden nie
friedlich nebeneinander leben.“ Mit unserem unerfahrenen Hundeverstand glaubten wir, Peters hätten vielleicht Unrecht und es gäbe immer Ausnahmen von der Regel.
Aber natürlich hatten Peters recht.
Das zeigte sich dann sehr eindringlich als Scotty dem Welpenalter entwachsen war. Um diese Zeit herum hatten wir Moritz länger nicht getroffen und fanden uns
optimistisch in der Ferienpension ein mit der Hoffnung auf einen erholsamen Urlaub mit zwei friedlichen Hunden.
Die beiden „friedlichen“ Hunde begegneten sich zum Glück beide an der Leine , sogen schnuppernd mit
hoch erhobener Nase den Duft des anderen ein und wollten wir trauten unseren Ohren und Augen nicht knurrend, bellend,
Zähne fletschend aufeinander Ios. Für sie leider, für uns Gott sei Dank am Kampf gehindert durch die
Leinen. Zum ersten mal wurde uns klar, dass der Beiname der Irish „Red Devil“ (roter Teufel) bzw. „Dare Devil“ (Teufelskerl) berechtigt war.
Anfänglich wollten wir die Idee von dem friedlichen Miteinander noch nicht aufgeben und hofften, zu diesem
Ausfall sei es nur gekommen, weil die zwei sich so plötzlich und unerwartet gegenübergestanden hatten. Aber nachdem auch bei einer zweiten Begegnung ähnliche Kampfbereitschaft wie bei der ersten zur Schau
getragen wurde, blieb nur eine Lösung: Wir mussten dafür sorgen, dass beide Hunde sich möglichst aus dem Weg gingen.
- Nicht frei im Haus und auf dem eingezäunten hauseigenen Gelände herumlaufen lassen, immer anleinen.
- Bei den morgendlichen und sonstigen obligatorischen Tagesrunden nie die gleiche Richtung wählen. Wenn wir uns trotzdem zufällig begegneten: einen möglichst großen Sicherheitsabstand wählen.
So funktionierte es ganz gut. Wir hatten außerdem unsere Ohren ständig auf Lauschangriff gestellt um zu
horchen, ob der „Feind“ nicht vielleicht hinter der nächsten Ecke lauerte und zum Angriff ansetzte! Wenn Moritz das Haus verließ oder zurückkam, musste es an unserer Zimmertür vorbei. Waren wir zufällig im
Zimmer, wurde die lautstarke Bereitschaft zum Kampf und das wichtige Signal „ich bin hier der Herr“ durch die geschlossene Tür kundgetan. Draußen und drinnen bellte, schnaufte, fauchte es; an beiden Seiten
versuchte man durch wildes Scharren und Kratzen ein Loch unter der Tür zu buddeln bis beide Herrchen energisch
eingriffen, und die ach so armen Hunde auf ihr Ringkämpfchen verzichten mussten.
Aber man kann nie so umsichtig denken, dass alle Möglichkeiten einbezogen sind, und besonders ein schlauer Terrier findet irgendwann die Lücke im System.
So auch Moritz.
Wittpoths saßen im Aufenthaltsraum und spielten Karten, die Terassentür war angelehnt. Moritz lag friedlich
unter dem Tisch. Scottys letzte Abendrunde war angesagt. Ich schlich mich aus dem Haus, an der angelehnten Terassentür vorbei, öffnete möglichst leise das Gartentörchen, schloß es ebenso leise wieder
und ging die Treppe hinunter zur Straße. Mein sechster Sinn ließ mich zurückschauen, und was sah ich?
Oben auf der Gartenmauer neben dem Törchen stand Moritz mit wie mir schien mordlüsternden Augen und
setzte zum Sprung an. Die Hälfte der Treppe hatte er geschafft, da erschien oben Moritzherrchen ‑ auf Socken und donnerte ein Kommando nach unten. Aber vergebens! Moritz hatte bereits die Straße erreicht
und wollte auf gar keinen Fall diese einmalige Gelegenheit ungenutzt vorbeigehen lassen.
In meinem Kopf wirbelten die Gedanken. Scotty hatte seinen Feind bereits entdeckt und war mit
bedrohlichem Knurren bereit, ihn zu empfangen. Das einzige, was mir einfiel, war der Satz (wo hatte ich ihn denn bloß gehört?): „Du mußt den Hund auf den Arm nehmen und hochhalten, um ihn zu beschützen“. Heute
weiß ich, dass das bei einem Yorkshire oder einem Pinscher vielleicht angebracht ist, nicht aber bei einem Irish. Damals jedenfalls war ich noch nicht so schlau, schnappte mir also meinen Scotty auf den Arm und
drehte dem heranstürmenden Moritz den Rücken zu, in dem Glauben, auf die Weise eine schützende Mauer zwischen den beiden Streithähnen errichtet zu haben. Aber dieser Glaube war ein Irrglaube. Moritz setzte
zum Sprung an, landete auf meinem Rücken, und ich landete durch den Aufprall völlig aus dem Gleichgewicht gebracht ‑ bäuchlings auf dem Boden. Da lag ich nun, Nase auf der Erde, Scotty unter mir,
denn ich hatte ihn beim Sturz krampfhaft festgehalten, und Moritz im Nacken. Der schnaubte und sabberte mir die Ohren voll und versuchte mit aller Gewalt, seinen Widersacher zu fassen zu kriegen. Er machte
Anstalten, ein „Loch“ in meinen Rücken zu buddeln und kratzte wie wild mit den Vorderfüßen (was meiner
Jacke gar nicht gut bekommen ist!). Da die Aktion erfolglos blieb, wollte er nun sehr energisch unter meinem linken Arm durch unter mich und damit an Scotty zu gelangen. Dieser wühlte auch unter mir und fand das
gar nicht gut, dass ich ihn an der herrlichen Gelegenheit zum Kämpfen hindern wollte. Dann endlich nach einiger Zeit, die mir endlos vorkam, aber wohl nur Sekunden gedauert hat, rappelte ich
mich hoch. Irgendwie musste ich mich schließlich dieser Situation stellen und ihr auch irgendwie ein Ende bereiten.
Moritz’ Herrchen war inzwischen immer noch auf Socken die Treppe heruntergestürmt, und wir machten uns nun gemeinsam daran, dieses Hundeknäuel zu entwirren. Die Irish gehören zu den ganz wenigen Hunden
, die man bedenkenlos am Schwanz fassen und so aus jeglichem Kampfgetümmel herausziehen kann. Genau das versuchten wir nun, aber irgendwo hakte es, in der Dunkelheit war nicht genau zu erkennen warum.
Dann zeigte sich das Erstaunliche: Scotty, angeleint und unter mir „begraben“, hatte es geschafft, wie auch
immer, wir wissen es nicht , Moritz Genick zu packen und war nun nicht bereit, seine „Beute“ loszulassen.
Zum Glück stellte sich später nach eingehender Untersuchung der Vierbeiner heraus, dass keiner Schaden
genommen hatte. Scotty hatte nicht zugebissen, sondern Moritz nur festgehalten und ihn so „diszipliniert“.
Mit erheblichem Kraftaufwand brachte ich seinen Kiefer auseinander, und die Hunde waren getrennt,
keineswegs befriedet oder gar schuldbewußt, denn die Strafpredigt für Moritz setzte auf der Stelle ein, beide nahmen uns unsere Einmischung offensichtlich übel und fletschten nach wie vor die Zähne. Wir ließen uns
davon nicht beeindrucken, schnappten jeder unseren Hund und zogen uns in die eigenen vier Wände zurück.
Später haben wir Moritz’ Verhalten zu rekonstruieren versucht. Er muss das Geräusch des geöffneten und
wieder geschlossenen Gartentores gehört haben. Herrchen und Frauchen waren aufs Kartenspiel konzentriert. Also nutzte er die Gunst der Stunde, schlich zur Terassentür, öffnete sie soweit wie es für ihn
nötig warum durchzukommen und stürzte dann nach draußen.
Wir haben Moritz die Attacke nicht übel genommen, er war einfach nur seinem angeborenen Instinkt gefolgt.
Sein Verhalten am nächsten Morgen entsprang allerdings wohl eher dem „Instinkt“ seines Herrchens:
Moritz saß vor der Tür, einen Blumenstrauß quer im Maul und reichte mir mit Unschuldsmiene seine rechte Pfote.
Mit freundlicher Genehmigung der Familie Ulrich
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